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Agentur für Arbeit Lübeck

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Dr. Guttkuhn: Dr. Carlebachs Erziehungsprinzipien - 2. Teil

24. Januar 2010 (HL-Red.). Den heutigen Sonntag beginnt Lübeck-TeaTime mit der Fortsetzung der Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge". Damit folgt der zweite und schließende Teil "Dr. Carlebachs Erziehungsprinzipien": "Ich glaube berechtigt zu sein, das, was der Krieg und das Kriegswesen lehren, auch als ein Gotteswort anzusehen und also für unsere Kindererziehung die Einrichtung des Heerwesens nutzbar machen zu sollen". Das preußisch-deutsche Militär ist für Carlebach das einzig sinnvolle, effektive und gottgewollte Vorbild für die Erziehung der deutsch-jüdischen Jugend.

„Es steht fest, daß vollendete Waffen-Übung, bis fast zum Übermaß fortgesetzter Drill, so daß selbst alle Kleinigkeiten des Dienstes in Fleisch und Blut übergegangen, zur Gewohnheit geworden sind, unerläßliche Forderungen für den Kampf und beste Bürgen für den Sieg sind". Im Massenheer der uniformierten Hunderttausende, das wie eine Maschine funktioniere, herrsche die vollendete Gleichheit, die ans Wunderbare grenze.

„Mit der Gleichheit verbindet sich die eiserne Disziplin, der unbedingte Gehorsam der Untergebenen und der feste bestimmte Wille der Vorgesetzten. Mit dem Eintritt in den Heeresverband hört der Eigenwille, die eigene Meinung, eigene Ansicht vollkommen auf". So würden Millionen den Willen eines Einzigen ausführen: ohne Rücksicht auf Hindernisse, Schwierigkeiten und scheinbare Unmöglichkeit.

„Und lauert die furchtbarste Gefahr, droht der sichere Tod, es macht nichts; hat der Führer es befohlen, dann geht die Mannschaft in den sicheren Tod. Zu gehorchen ist des Soldaten höchste Pflicht, ob der Schlachtenlenker ihn zum Tode oder zum Siege führt...
Wollen wir uns selbst, wollen wir ganz besonders unsere Kinder, die Träger der Zukunft, dazu erziehen, dann müssen wir die aus dem Kriege sprechende Gottesstimme hören, wir müssen das Gotteswort, das wir heute vor Jahrtausenden am Gottesberge vernommen, so hüten, wie das Gotteswort, das wir jetzt aus dem Kanonendonner hören, d. h. wir müssen unsere Kinder erziehen durch Gewöhnung, durch Kameradschaft zum Gehorsam und zur willenlosen Ausführung eines höheren Willens“.

Eine derartige Erziehung müsse während der ersten 14 Lebensjahre geleistet werden. „Wahrlich, Du bist ein schlechter Lehrmeister“, spricht Carlebach nun direkt seine Zuhörer in der Lübecker Synagoge an, „ein kaum mittelmäßiger Unteroffizier, wenn es Dir in diesen 14 Jahren, wo die Aufnahmefähigkeit am größten, die Widerstandskraft am geringsten, wo Du dein Kind formen und bilden kannst, wie der Töpfer den Ton, nicht gelingen sollte, Deinen Willen so Deinem Kinde einzutrichtern, daß er die Triebfeder seines Handelns bleibt für sein ganzes Leben“.

Ist es unter diesen Umständen verwunderlich, meine Damen und Herren, wenn die Schülerin Margarethe / Gretchen Mühsam weder Carlebachs jüdische Religionsschule besuchte noch am regelmäßigen Religionsunterricht der Ernestinenschule, teilnahm? Sie belegte nur den wöchentlich einstündigen biblischen Geschichtsunterricht des Alten Testaments, der nach christlicher Auffassung und von einer evangelisch-lutherischen Lehrerin erteilt wurde.

Carlebach hielt das nicht für einen ausreichenden Ersatz. Das Lübecker Schulgesetz forderte während des gesamten schulpflichtigen Alters einen mindestens zweistündigen obligatorischen Religionsunterricht pro Woche. Der Vorsitzende der Ober-Schulbehörde, Senator Dr. Johann Georg Eschenburg, dem Carlebach den Fall vorlegte, stimmte mit dem Rabbiner vollkommen überein: Ein wöchentlich einstündiger biblischer Geschichtsunterricht, wie ihn Hans und Margarethe Mühsam erhielten, sei weder ausreichend noch gesetzeskonform. Das dürfe kein Familienvater durchgehen lassen! Aber es kam noch schlimmer:
„Von den jüdischen Gymnasialschülern wird behauptet“, klagte Carlebach am 8. September 1886 dem Lübecker Schulrat Dr. Schröder, „daß sie sämtlich Religionsunterricht hätten. In der Tat aber besuchen Richard Blumenfeld, Leopold Jacobsohn, Felix Hinrichsen und Erich Mühsam weder die jüdische Religionsschule noch genießen sie Privatunterricht“, d. h. sie wuchsen ohne den obligatorischen Religionsunterricht auf.

Zwei Wochen vor dessen 15. Geburtstag meldete der Vater seinen Sohn Erich am 24. März 1893 vom Lübecker Katharineum ab, und am 7. April 1893, einen Tag nach Erichs Geburtstag, zog Siegfried Mühsam die Abmeldung wieder zurück. Es muß Turbulenzen innerhalb der Familie gegeben haben. Allerdings ist unklar, welche Rolle dabei das Problem des Religionsunterrichts spielte oder ob es sich um die altersspezifisch übliche Schulunlust handelte.

Sie bemerken, meine Damen und Herren, daß die Mühsam-Kinder, mit Ausnahme von Charlotte, sie war eben so wie Margarethe Schülerin der Ernestinenschule, sehr früh bereits den Behörden auffallen, weshalb die Frage nach der Position und Wirksamkeit des in Erziehungsfragen allenthalben als ‚übermächtig’ geschilderten Vaters gestellt werden darf.

Siegfried Seligmann Mühsam hatte am 7. August 1877 in der Lübecker Vorstadt St. Lorenz, Moislinger Allee 2 c, ein Grundstück erworben, übersiedelte ein Jahr später mit der Familie von Berlin nach Lübeck, meldete sich am 17. September 1878 polizeilich an, leistete noch im selben Monat vor dem Senat den Bürgereid und schrieb sich mit Wirkung vom 1. Januar 1879 mit der gesamten Familie als Steuer zahlendes Mitglied bei der jüdischen Gemeinde ein.
Innerhalb der Gemeinde freilich machte der umtriebige Mann keine Karriere. Erstmals trat er am 16. April 1900 zur Wahl eines Gemeinde-Ausschuß-Mitgliedes an, einem Unter-Gremium des Gemeindevorstands. Zwar erreichte er den dritten Platz, doch nur die beiden ersten Bewerber waren zu wählen. Am 13. April 1906 bewarb er sich bei der Ältestenwahl. Doch er erhielt nur eine Stimme; böse Zungen sprachen von der eigenen. Mit diesem zweiten Versuch jedenfalls endeten seine Bemühungen, die neo-orthodoxe Gemeindeführung mit zu gestalten.

1919 starb Carlebach, der geistige Führer der Lübecker neo-orthodoxen Judenschaft an gebrochenem Herzen: Dieser deutsch-jüdische Nationalist und glühende Verehrer Wilhelms II. konnte weder den verlorenen Krieg noch die Flucht seines Kaisers verschmerzen. Ein halbes Jahrhundert lang hatte er die geistig-religiöse Situation der lübeckischen Juden nachhaltig geprägt.

Diese knappe Skizze, meine Damen und Herren, bildet den historisch-philosophisch-religiösen Hintergrund, den Kontext, in dessen Vordergrund sich das Leben des jungen Erich Mühsam in Lübeck entwickelt."


Lübeck-TeaTime bedankt sich bei Dr. Peter Guttkuhn für die freundliche Bereitstellung auch dieses Beitrages.

Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

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