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Dr. Guttkuhn:Wie das Gut Moisling 1762 lüb. Priv.-Eigentum wurde

23. August 2009 (HL/red.) Auch heute setzen wir in Lübeck-TeaTime die Vorstellung der Publikationen des Lübecker Privatgelehrten und Historikers Dr. phil. Peter Guttkuhn (Foto Reinhard Bartsch) in der Reihe "Sonntags-Beiträge" fort: Er beantwortet die Frage "Wie das Gut Moisling 1762 lübeckisches Privateigentum wurde":
In der zweiten Hälfte des Jahres 1761 erfuhr der Rat, daß von Brocktorff die Absicht habe, das Gut Moisling zu verkaufen. Joachim von Brocktorff, bedeutender Bauherr und Förderer von Künsten und Wissenschaften, war in seiner Ehe kinderlos geblieben. Zum Lebensende hin konzentrierte er seine Finanzen.

Für Lübecks Rat und Bürgerschaft reifte die größte Chance seit dem Traventhaler Frieden von 1700, sich des Gutes zu bemächtigen, auch um die dort wohnenden Juden kontrollieren zu können. Als Käuferin direkt aufzutreten, das verbot sich u. a. deshalb, weil die Reichsstadt dadurch in ein Vasallenverhältnis zum dänischen König geraten wäre. Deshalb vollzogen sich die Verhandlungen unter nahezu konspirativen Umständen.

Im Rathaus beschloß man in geheimer Sitzung, vier Lübecker Bürger als private Käufer vorzutäuschen: die Ratsherren Joachim Peters (1712-1788) und Dr. jur. Johann Friedrich Schaevius (1715-1766) für den Rat, die Kaufleute Franz Hinrich Zerran, einen Ältermann der Schonenfahrer-Kompanie, sowie Johann Christoph Weigel (1704-1777) für die Bürgerschaft, d. h. die zwölf Kollegien von Verfassungsrang. Die Stadtkasse bezahlte den Kaufpreis.

Am 1. Mai 1762 gingen Gut und Dorf Moisling nebst der Mühle und allem lebenden und toten Inventar auf „die 4 Herren lübeckischen Senatoren resp. Kaufleute" über. Vor der Öffentlichkeit - und besonders vor den dänischen Regierungsbehörden - stellte sich von Anfang an der reiche Joachim Peters, der 1773 zum Bürgermeister aufrückte, als Eigentümer Moislings dar. Zum hochadligen Gut, das unter den republikanischen Bürgern wie "ein Herrenhof mit ganzer Selbstherrlichkeit" geführt wurde, gehörten 1762 89 Häuser, darunter vier leerstehende, reparaturbedürftige, und die Synagoge; 46 christliche und 38 jüdische Familien, also etwa 190 jüdische Personen, zählten zu den mit erworbenen Untertanen.

Erstmals in der Geschichte des Gutes bestand der Grund seines Erwerbs nicht in finanziellen bzw. wirtschaftlichen Erwägungen, sondern vorrangig in ideologischen, d. h. antijüdischen und innenpolitischen Motiven. Die neuen Moislinger Gutsherren bemühten sich fortan mit bemerkenswerter Ausdauer und endlichem Erfolg um einen Territorialanschluß an Lübeck. Der Rat beauftragte seinen Kopenhagener Agenten Hinrich Carl Meinig, am dänischen Hof Geheimverhandlungen zu führen. Meinig war eng befreundet mit dem Lübecker Ratsherrn Hermann Diedrich Krohn (1734-1805), seit 1786 Bürgermeister. Über Krohn liefen alle Berichte aus Kopenhagen in Sachen Moisling, und zwar stets chiffriert.

Von Dr. phil. Peter Guttkuhn


Dr. Peter Guttkuhn:
Der Wissenschaftler forscht seit Jahren zur deutsch-jüdischen Geschichte der Hansestadt. Auf nationaler und internationaler Ebene hat er nahezu 190 Titel zu diesem Forschungsgebiet publiziert. Seine Vorträge im In- und Ausland sind sehr gefragt und tragen in erheblichem Maß zur Aufarbeitung der Geschehnisse in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland bei.

















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